Reisebericht: Motorradreise ins Erzgebirge

Erzgebirge Schild

Reisebericht Motorradreise ins Erzgebirge 2018

Tag 1, Anreise zur Motorradreise ins Erzgebirge

Der erste richtige Urlaub seit mehr als zehn Jahren sollte was Besonderes sein, etwas Außergewöhnliches, etwas Schönes: eine Motorradreise. In diesem speziellen Fall eine Motorradreise ins Erzgebirge. Während diese Worte mühsam und rechtschreibschwach in die Tastatur gehämmert werden, schmerzt mein Hinterteil. Eingeklemmt zwischen Tankrucksack und Soziustasche hatte ich die gerade einmal 228 km kurze Strecke in das Basishotel nach Annaberg-Buchholz geschafft. Wohlgemerkt unterbrochen durch zwei mehr oder weniger lange Pausen. Ich habe solche Strecken schon problem-, pausen- und ganz bestimmt hinternschmerzlos durchgefahren. Aber mit Gepäck auf der Autobahn ist das noch mal eine ganz andere Hausnummer. Und das trotz installierter Komfortsitzbank. Wie war das nochmal mit der Bundesländerreise? Dass die Yamaha MT-09 nur bedingt reisetauglich ist, war mir durchaus bewusst. Aber vielleicht kann ich mir gegenüber gerade deswegen noch irgendwann die (zusätzliche) Reiseenduro oder einen (ebenfalls zusätzlichen) Sporttourer begründen. Von fern schien es, als hörte ich mein Konto lachen… Laut. Und ausdauernd.


Erstmal einziehen

Begrüßt von Gummibärchen und einer Flasche Wasser breitete ich mich im Hotel in meinem fußballhallengroßen, doppelt bebetteten Zimmer aus. Fast 80 Teilnehmer taten es mir gleich – Full House sozusagen. Diese Teilnehmer mussten nicht nur eingewiesen (neudeutsch: gebrieft) werden, sondern auch verköstigt. Eine solide Buffetleistung schloss sich an, bei der ich mit Kathrin und Burkhard zu Tisch ein wenig Konversation betrieb. Ich begutachtete danach noch mein schwarzes sehr, sehr dunkles, marineblaues Tourenshirt, das geschenkte Halstuch und den Teilnehmerbutton, bevor ich nach einem kurzen Gespräch mit meinem Guide Jürgen die Schritte wieder auf mein Zimmer lenkte. Ja, der Auftakt war okay. Ich war sehr gespannt auf morgen und wie sich die erste geführte Tour der Motorradreise ins Erzgebirge gestaltet.

Erste Higlights und erste Tour zum Warmwerden

Tag 2, Tour 1: Seiffen und Frauenstein

Wenn das erste Highlight des Tages nicht aus dem Frühstück besteht, läuft im Urlaub grundsätzlich was verkehrt. In diesem Fall gab es aber gleich zwei Highlights. Denn beim mehr als zufriedenstellenden Frühstück begegnete mir eine herausragende Innovation der Frühstückshochtechnologie. Sobald ein Hotel betreten, leben wir ja grundsätzlich in einer portionierten Welt. Portionierte Marmelade, portionierte Seife, portionierte Butter, portioniertes Nähgarn – die Liste ließe sich fortsetzen. Zumindest bei der Butter wurde nun die nächste Evolutionsstufe der Frühstücksportionierungshochtechnologie erreicht: der automatische Butterportionierungsautomat. Was sagt es über eine Gesellschaft aus, in der Maschinen gebaut werden, die in ihrer Größe einem mittleren Kaffeevollautomaten in nichts nachstehen, deren einziger Zweck es aber ist, auf Knopfdruck ein einzelnes, kreisrundes Stück Butter auf den Teller plumpsen zu lassen? Ich allerdings freue mich jetzt schon auf den Automaten, der mir auf Knopfdruck eine einzelne entsteinte Kirsche aufs Hotelzimmer bringt.


Auf zur ersten Tour

Die Tour an sich begann mit einer kurzen Einweisung – sehr kurzen Einweisung. Unser erstes Ziel führte uns über ampellose, kurvenreiche Straßen durch waldreiche Gebiete zum Teil an Bachläufen entlang nach Seiffen. Wenngleich das Erzgebirgische Spielzeugmuseum Seiffen uns nur bedingt begeistern konnte, das angrenzende Eiscafé konnte dies wohl. Frisch gestärkt durchzogen wir das Erzgebirge mit diversen Halten. Mittagspause in Frauenstein bei Bockwurst und Weißbier stellten das problemlose weitere Fortkommen sicher, in dessen Verlauf sich die MT-09 souverän als dominanter Kurvenräuber bewies. Aber wir sind ja eigentlich die entspannt fahrende Gruppe. Deswegen war ich auch den ganzen Tag im Bummelmodus unterwegs, was an der Zapfsäule unterm Strich mit 4 Litern Super auf 100 km honoriert wurde. Etwas mehr als 200 km waren wir heute gefahren. Aber mit den wirklich tiefenentspannten Mitfahrern war die erste Tour der Motorradreise ins Erzgebirge tatsächlich kurzweilig.


Erster Abend mit Erfahrungsaustausch

17:00 Uhr nächste Erfrischung: das kostenlose „Lederbier“ als Belohnung nach Abschluss der ersten Etappe. Und da man auf einem Bein nicht stehen kann, verlegten wir teilweise an die Bar. Auf jeden Fall half es dabei, die Zeit bis zum Grillabend zu verkürzen. Mit sehr leckeren Maiskolben in Hand und Mund wurden bei ebenjenem erste Erfahrungen in den einzelnen Gruppen ausgetauscht. Hier erfuhr man schon mal, das Teilnehmer XY bereits 40/50 Touren gefahren ist. Oder wer die Erzgebirge-Tour bereits ein zweites Mal macht. Mein Hintern, meine Füße und ich waren mittlerweile ausreichend erschöpft. Also, Kraft schöpfen für morgen, für die nächste Tour der Motorradreise ins Erzgebirge.

Lernen durch Schmerz?

Tag 3, Tour 2: Johanngeorgenstadt, Franzensbad und Fichtelgebirge 

Bevor irgendjemand fragt, ja, ich fühlte mich frühmorgens wie von einem russischen Spähpanzer überrollt und nein, ich habe nichts daraus gelernt. Die nächste Tour stand an und gestern hatte ich Blut geleckt. Und überlegt welche Tour ich nächstes Jahr machen werde… und welches Motorrad dafür beschafft werden muss… MUSS! – da war es wieder, dieses Lachen. Seufz.

Kleiner Grenzverkehr

Aber Teufel noch eins, wie krass war denn dieser Tag Bitteschön? Anfangs noch etwas zäh, führte uns der erste Abschnitt durch viele Käffer zu unserem ersten Ziel: der Grenzbereich bei Johanngeorgenstadt. Dabei setzten einzelne Mitglieder unserer Gruppe mehrere hundert Euro in Tabakwaren um. Ich war mit einem durchaus überraschend köstlichen Pfirsichgetränk zufrieden. Die Tour ging weiter und die MT-09 bewies souverän, dass schlaglöchriger Asphalt tschechischer Waldstraßen nur bedingt zu ihrem originären Aufgabenbereich gehören. Das Ziel hieß Franzensbad, welches wir nur deswegen etwas näher kennenlernen durften, da sich unser Guide etwas – Achtung Kalauer – verfranzt hatte. Wobei die Autobahn nicht unbedingt hätte sein müssen. Das Essen aus paniertem Käse und Tomatensalat ließ die ersten Strapazen vergessen. Die 800 Kronen, die ich noch übrig hatte, konnten hier sinnvoll eingesetzt werden. Glücklicherweise hatte ich daran gedacht. Für einen Augenblick schien es, als nickte ich mir selbst wieder einmal anerkennend zu.


Vom Regen in die Traufe!

Wolken zogen auf – ach was. Das geht schon noch! Aber dann machten sich die ersten Tropfen bemerkbar und ein kurzer technischer Halt gab uns genug Zeit, „die Pelle“ anzulegen. Keine Minute zu spät, denn auf einmal öffneten sich alle Pforten des Himmels sperrangelweit. Ich blieb trocken. Fürs Erste. Und die Fahrt durch den Starkregen war überraschend geil. Denn ich blieb ja trocken. Noch. Der nächste Halt bei Latte und Palatschinken fand im Schatten des Fichtelbergs regenfrei statt. Wohlweislich verstaute ich den Regenschutz, nur um anschließend im Fichtelgebirge vom Regenguss schlechthin erwischt zu werden. Naja. Wenn man so wie ich dann bis auf den Schlüppi durch ist, ist es auch grad egal. Im Hotel legte ich mich trocken und freute mich auf das Buffet im Kartoffelkeller. Wieder neue Leute kennengelernt und Bilder und Erfahrungen ausgetauscht. Morgen steht die 300 km Tour auf dem Programm. 

Die längste Tour der Motorradreise ins Erzgebirge

Tag 4, Tour 3: Elbsandsteingebirge und Bastei

Wer im Urlaub freiwillig halb sieben aufsteht, ist entweder noch im Arbeitsmodus oder hat etwas vor. Ich genoß in dieser frühen Stunde eine wohltuende Dusche, die aber manchmal so recht nicht wusste, ob sie mehr kalt oder mehr heiß sein wollte. Obwohl noch vor sieben, waren bereits reichlich Frühstücksgäste anwesend. Ist das die vielzitierte senile Bettflucht? Jedenfalls wollten wir heute früher los. Wenigstens eine halbe Stunde, denn eine 340 km Etappe lag vor uns. Es galt die Distanz nach Bad Schandau zu überwinden, an der Bastei hörbar abzuklatschen und gesund an Körper und Geist wieder zurückzukehren. Da der Himmel noch voller Wolken hing, hatte ich mich wohlweislich in die Pelle gequält. Ein überflüssiges Vorhaben, welches mich im eigenen Saft langsam durchnässte. Aber besser als andersrum. Beim nächsten Halt riskierte ich erneut nass zu werden, wurde aber belohnt. Es blieb stabil.


Sackgasse, Umleitung – Bitte wenden!

Die Hinfahrt hätte unter der Losung stehen können, wenn wir schon auf den Straßen bauen, dann mit Sackgassen und ohne Umleitung und falls doch, dann auch auf den Umleitungen bauen! Man mag es nicht für möglich halten und es vor seinem geistigen Auge kaum erstehen lassen, aber die Chronistenpflicht gebietet es: es gibt Landkreise, die eine noch dämlichere Verkehrsplanung haben als der Landkreis Görlitz (und das ist kein Lob, liebe Heimat!). Unser Guide jedoch hatte viel Vertrauen in seine Technik und lotste uns erfolgreich ans Ziel, wo wir über eine Stunde verweilten.

Kurvenreiche Rückfahrt

Die Rückfahrt hatte es in sich, da wir nicht nur nahezu ohne Umleitungen sondern sehr kurvenreich mit einzelnen herausfordernden Spitzkehren unser Hotel ansteuerten. Die Kaffeepause zwischendurch und ein Oberschenkelinnenkrampf, der mich auf meiner Maschine einen Ausdruckstanz machen ließ, bei dem jeder Waldorfschüler vor Neid erblasst wäre, fiel kaum noch ins Gewicht, da wir ja insgesamt 9,5 Stunden unterwegs waren. Wohltuend erschöpft rückte das Abendessen an mich heran. Was für ein Tag! Was für eine Tour!

Die letzte Tour

Tag 5, Tour 4: Fichtelberg, Karlsbad, Marienbad

Zusammenfassend kann ich vorab schon eins sagen, der heutige Tag war ein Auf in Ab. Wir starteten bei strahlend blauem Himmel aber lediglich 12 Grad. Das führte unweigerlich dazu, dass einige – und das schließt mich ein – die Griffheizung aktivierten. Unser Ziel hieß Fichtelberg, den wir mühelos und mit bester Aussicht erreichten. Hier oben zog es wie Hechtsuppe. Weiter ging der restliche Tag auf tschechischer Seite. Hier wurde zuerst Karlsbad angesteuert, wo ich die erste Kofola meines Lebens verzehrte: eine Art Cola mit Almdudler-Geschmack. Gewöhnungsbedürftig. Palatschinken und Eis jedoch waren tadellos. Weiter ging es. Wir überfuhren eine Staumauer auf dem Weg nach Marienbad. Das spitzenmäßige Wetter trug seinen Teil zum Fahrspaß bei. Die späte Mittaugspause war ausgedient und in vorzüglichen Ambiente. Marienbad ist eine hübsche Stadt.


Eine Tour wie eine Sportstunde

Der Rückweg war sehr strapaziös. Das lag vor allem an dem beklagenswerten Zustand der Straßen, die zu befahren wir stellenweise gezwungen waren. Dann riss auch noch die Verbindung zum vorderen Teil der Gruppe ab. Aber dank eines erfahrenen Fahrers hatten wir schnell wieder zueinandergefunden, bevor wir die letzten knapp zehn Kilometern ins Hotel antraten. Morgen geht es zurück nachhause. Schnell verging die Zeit. Es war eine anstrengende aber auch sehr schöne Motorradreise ins Erzgebirge. Noch 250 km liegen vor mir – ins traute Heim. Und dann müssen die Reifen gewechselt werden. Hoffentlich werde ich nicht angehalten…

Fazit
Ist diese Motorradreise ins Erzgebirge empfehlenswert? Ja, aber das Zweirad und der Hintern sollten schon was Aushalten können. Mehr Stopps an der z. T. wirklich auch sehr schönen Strecke hätten das Erlebnis noch viel runder gemacht. Für mich als Gruppenfahrer-Rookie war es auf jeden Fall geeignet. Ich fühlte mich zu keiner Zeit überfordert. Unterm Strich für mich als Neuling: Daumen hoch. Nächstes Jahr Bayrischer Wald? Die Chancen stehen nicht schlecht. Mit der MT-09? Warum nicht?

Veranstalter: Reisen und Erleben

Dauer: 4 Tage plus je 1 für An- und Abreise (03.07 – 08.07.)

Reisepreis: 510 Euro plus 120 Euro EZ-Zuschlag

Meine Gesamtfahrleistung ab/bis Görlitz: ca. 1600 km

Gruppengröße: 11 Maschinen plus Tour Guide

Daumen hoch 

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